Das Porträt eines Vogels

Veröffentlicht von Benjamin am

Das Porträt eines Vogels

In einem Dokumentarfilm von ARTE „Zen die Kunst der Meditation“ wird hauptsächlich geschwiegen. Eindrücke in den Bergen der Westküste Japans werden hier aus dem Zen-Kloster Antaiji gezeigt. Die Dokumentation nimmt dich auf die Reise als Beobachter. Es wird wenig gesprochen. Umso mehr prägen sich die wenigen Worte und Bilder vom Tagesablauf der Praktizierenden ein und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Besonders das Gedicht von „Jacques Prevert“ (01:05:00) hat mir besonders gefallen, das ich heute mit dir teilen möchte.

Das Porträt eines Vogels
Male zuerst einen Käfig mit offener Tür.
Dann male etwas, was hübsch ist,
und einfach
schön und nützlich,
für den Vogel.
Male dann einen Baum
In einem Garten,
in einem Gehölz,
in einem Wald.
Verbirg dich hinter dem Baum,
sprich nicht
und halte still…
Manchmal kommt der Vogel geschwind,
doch mag es auch Jahre dauern,
bis das geschieht.
Laß den Mut nicht sinken
Und warte.
Viele Jahr, wenn der Vogel so will.
Ob er geschwind kommt oder zögernd,
der Wert des Bildes wird davon nicht berührt.
Kommt er dann,
falls er kommt,
übe tiefes Schweigen,
bis er im Käfig ist.
Verschließe die Tür mit einem sanften Pinselstrich.
Dann
Lösche alle Gitterstäbe aus,
einen nach dem anderen
und hüte dich, die Federn des Vogels zu berühren.
Male dann das Bild eines Baumes
Und wähle den schönsten seiner Zweige
Für den Vogel,
warte auf sein Singen.
Singt er nicht,
ist es ein schlechtes Omen,
und ein schlechtes Bild.
Singt er,
ist es ein gutes Omen,
du kannst ein gutes Bild mit deinem Namen zeichnen.
Mit sanften Händen reiß‘ dem Vogel eine Feder
Aus dem Gefieder,
und schreibe deinen Namen
an den Rand.

Jaques Prevert

Dokumentarfilm "Zen die Kunst der Meditation":

Kategorien: Dharma

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