The Beauty of Ambivalence

Veröffentlicht von Mimi am

The Beauty of Ambivalence

Einst saß ich bei meinem guten Freund und Mentor in der Wohnung. Ein sehr weiser und bewusst lebender junger Mann, der mich bei meinem Weg zur Meditation und Bewusstheit bisher unterstützt und begleitet hatte. Seine Wohnungseinrichtung hielt er äußerst minimalistisch, nur mit dem Nötigsten. Simpel, aber gemütlich. 

Jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, setzte ich mich in seinen Ohrensessel – mein Lieblingsplatz in dieser Wohnung – und vernahm meine Umgebung. Obwohl die Inneneinrichtung so einfach gehalten war, platzierte ich mich bei jedem Besuch an selbiger Stelle und nahm den Raum von Neuem wahr. Und immer war er durchströmt von einer neuartigen, starken und ehrlichen Energie, mit der mein Freund seine Umgebung erfüllte, die an jenen Tagen in seinem Inneren entstanden. Und diese Einrichtung, die man nur mit dem inneren Auge sehen konnte, veränderte sich von Tag zu Tag, Stunde um Stunde, manchmal Minute um Minute. Es wurde mir also nie langweilig, mich in diesen Sessel zu setzen und die gegenwärtige Atmosphäre zu spüren, denn sie war immer neu, aber auch vertraut, eine bekannte Stimmung, ein Gefühl in der Umgebung, das wiederkam und ein weiteres Mal ging.

Einmal, da hatte er ein kleines, altes Ablageschränkchen in sein Wohnzimmer gestellt, welches mir sofort auffiel. Eine sichtbare Veränderung. Jedoch war dieses schlichte Schränkchen nicht das, was mich stutzig machte, sondern was auf diesem Schränkchen Platz fand. Es war eine große, rote Schneekugel, mit einem Weihnachtsmann und einem geschmückten Tannenbaum im Inneren. „Das passte nun gar nicht in die Einfachheit dieser Wohnung“, dachte ich. Mein Freund selbst war sich nicht sicher, wie diese Schneekugel ihren Weg in sein Heim fand. Sie war einfach da. Und obgleich sie kein Stück in das minimalistische Konzept dieser Wohnung passte, hätte sie mir an keinem anderen Ort besser gefallen. Sie brachte einen Kontrast, einen Akzent in diese Wohnung, der die Simplizität des Raumes perfekt ergänzte und ihm Charakter gab, obwohl sie der ganzen Idee der minimalistischen Einrichtung vollkommen widersprach. Und das ist die Schönheit der Ambivalenz.

 

Die Geschichte der Schneekugel in der Wohnung ist nur ein Beispiel für unzählige andere Widersprüchlichkeiten und Paradoxen, welche in der Konnexion miteinander eine vollendete Balance bilden. Die Schönheit der Ambivalenz ist auf die Ganzheit, das Allseits zu übertragen. Nicht umsonst spricht man von Gegensätzen, die sich anziehen, Yin und Yang, deshalb arbeiten Künstler mit Komplementärfarben, und man spricht von Glück im Unglück. Wir Menschen sprechen selbst ständig davon, wir haben Sprichwörter und Redewendungen erschaffen, die genau dies bezeugen. Ebenfalls hat die Physik bewiesen, dass gleiche Pole sich voneinander abstoßen und gegensätzliche sich anziehen. Diese theoretischen Erfahrungen hinterfragen wir nie. Und trotzdem ist uns das aber nie bewusst, was schon immer präsent war. Die essenzielle Erfahrung bleibt aus, weil wir selbst nicht präsent sind. 

Innerer Zwist

Wir wissen, dass Besserung erst möglich wird, wenn wir zuvor Fehler erfahren haben und dass Glück nur in Abhängigkeit von Trauer existieren kann. Sie können nur im Zusammenspiel funktionieren. Trotzdem versinken wir in Schuldgefühlen, wenn wir trotz Bemühungen auch mal gescheitert sind, fühlen uns zerrissen und kämpfen immer und immer wieder gegen unsere Traurigkeit an, obwohl ganz klar ist, dass sie wesensmäßig entscheidend für die Existenz des Gegenpols sind. Und weil wir unsere eigenen Dualitäten so stark bekämpfen, leiden wir. In uns herrscht dann eine Schlacht nach der anderen. Auch das ist in Ordnung, diese inneren Kriege brauchen wir alle zuerst, bevor wir Frieden finden (ein weiteres harmonierendes Paradoxon). Doch anstatt unsere Kriege selbst zu kämpfen, tragen wir diese nach außen und greifen andere an, die überhaupt nichts mit unserem seelischen Konflikt zutun haben. Das merken wir jedoch nicht, weil das alles im Unbewussten geschieht. Und auf‘s Neue fragen wir uns, wieso wir uns so zerrissen fühlen und so viel Leid empfinden. Und unser Unterbewusstsein fechtet weiterhin unsere Schlachten aus. Wieso?

Streit mit dem Verstand

Wenn Psychologen, Analytiker und die allgemeine Masse von ambivalenten Persönlichkeiten sprechen, meinen sie damit meist etwas Negatives. Etwas Krankhaftes und Abnormales. Denn die Psychologie arbeitet hauptsächlich mit dem Verstand. Dort können Gegenteile nicht gemeinsam bestehen, geschweige denn miteinander harmonieren, sich vereinen und ein Gleichgewicht bilden. Dafür müssen wir in eine andere Dimension – den Geist – einsteigen. All das kann nur in der Bewusstheit existieren. Denn wir können „die Schönheit der Ambivalenz“ ins Unendliche zerdenken, ohne zu einer logischen Erklärung zu gelangen. Wir können Überlegungen darüber anstellen, dass Fehler ihre Richtigkeit haben, weil sie uns eine Lehre sind und uns dann wiederum fragen, warum man trotz allem versucht, diese zu vermeiden, was doch eigentlich heißen sollte, dass sie falsch sind, was uns abermals in Verwirrung bringen würde, was nun richtig und was falsch ist, auch wenn wir andererseits gelernt haben, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, wir doch parallel immer wieder von der Außenwelt bewertet werden und und und…wenn dir das jetzt konfus vorkommt, habe ich den Konflikt mit dem Verstand naheliegend schildern können; denn egal wie lange du diese Gedankenkette in deinem Verstand weiter führst, über Lösungswege und Schlüssigkeit rätselst und dir dabei den Kopf zerbrichst, wird dir alles nur komplexer, verwirrender erscheinen und an einem Punkt wirst du in Verzweiflung aufgeben, all das zu verstehen und dich ein weiteres Mal zerrissen und zwiespältig fühlen. 

Von innerer Kriegsführung zur ,,Ambivaliebe”

Statt die Logik hinter dieser Harmonie zwischen Schwarz und Weiß, Dunkel und Hell, Laut und Leise und vielem mehr geschichtlich zu ergründen, könnten wir versuchen, die gegenwärtige Existenz dieses Zusammenspiels von Diskrepanzen jeglicher Art mit dem Geiste bewusst wahrzunehmen. Und dann wird es dir auf einmal nicht mehr komplex und wirr, sondern plötzlich ganz simpel und einfach, und dennoch – gegen alle Erwartungen – überwältigend vorkommen. 

Lange habe ich stark und leidvoll gegen eine innere Zersplitterung in mir gekämpft, überzeugt davon, dass ich einen Teil in mir vernichten musste, um mit mir selbst im Einklang zu sein. Bis mich – völlig ungeahnt – die Selbsterkenntnis über meine eigenen Polaritäten während einer morgendlichen Meditation traf. 

Die Wahrheit ist, dass all deine Eigenschaften, all deine Charakterzüge, Gegensätze und Disparitäten, in einer friedvollen Koexistenz als Ganzes, dich erst vollkommen machen. Im Wesentlichen braucht es nichts weiter als die regelmäßige Übung deines Geistes. Zu verinnerlichen, was präsent ist. Und es urteilsfrei zu durchleuchten. Solange deine Aufmerksamkeit sich jedoch auf Tüfteleien im Verstand beschränkt, werden deine Bemühungen, dieses Phänomen zu verstehen, nicht nur endlos, sondern auch ohne Ergebnis sein. Die Schönheit der Ambivalenz soll und kann niemals logisch verstanden werden. Sowie der Sinn des Lebens keine logisch nachvollziehbare Erklärung finden wird. 

Versuche es nicht zu verstehen. Fühle es. Es ist einfach da. Lass zu, dass es da ist. Sei achtsam. Nimm‘ es ganz bewusst wahr. Umarme es. Denn die Schönheit der Ambivalenz ist – wie das Leben – wunderschön und vielseitig. Verzage dich nicht, ambivalent zu sein, widersprüchlich zu sein, Nerd und Rockstar zugleich zu sein. Künstler und Pragmat. Wild und elegant. Zaghaft und ebenso temperamentvoll. Süß und vielleicht trotzdem auch mal frech zu sein. Denn „ambivalent“ heißt auch vielfältig. Einzigartig. Außergewöhnlich. Harmonisch. Aufregend. Und schön. Du musst nicht verweilen. Du musst nicht werden. Sondern nur sein. Sei schön. Sei du. Sei ambivalent.

Kategorien: Dharma

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